Georgi Hauschild: Späte Spurensuche in Bulgarien

Written by on November 26, 2017 in Bulgarien - Comments Off on Georgi Hauschild: Späte Spurensuche in Bulgarien

Dachte Georgi Hauschild an seine allerersten Lebensjahre, beschlich ihn immer ein beklemmendes Gefühl. Warum, wusste er selbst nicht so genau. Denn konkrete Erinnerungen hatte er kaum Das ist nun anders. Denn nach 15 Jahren wagte es der junge Mann aus Eisingen, sich seiner Vergangenheit zu stellen. Georgi Hauschild stammt aus Bulgarien. Mit sechs Jahren wurde er adoptiert: „Ich hatte das in all den Jahren nie ansprechen können, das war ein großes Tabuthema gewesen.“

Alles änderte sich heuer im April. Zum ersten Mal betrat Hauschild wieder bulgarischen Boden. Er besuchte das Kinderheim, in das er vermutlich mit einem Jahr gekommen war. Und er traf eine Erzieherin aus seiner damaligen Kindergruppe wieder. Bei all dem war er nicht alleine. Hauschild, der in der Fachschule der Robert-Kümmert-Akademie seit einem Jahr den Beruf des Heilerziehungspflegers erlernt, nahm an einem Auslandspraktikum innerhalb des EU-Programms Erasmus+ teil. Zur kleinen Reisegruppe gehörte sein Ausbildungsmentor. Der unterstützte Hauschild bei der schwierigen Konfrontation mit seiner Vergangenheit.

Am vorletzten Tag der Auslandswoche entschloss sich die vierköpfige Reisegruppe, Hauschilds ehemaliges Kinderheim in Gabrowo zu suchen: „Ich wollte es nur von außen sehen und ein paar Fotos machen.“ Als er den abgelegenen, weißen Gebäudekomplex von weitem sah, erkannte er ihn sofort wieder. Hier sah er von seinem Gruppenzimmer so oft sehnsüchtig auf die „Brücke“ zwischen Haupteingang und Hauptweg hinab: „Manchmal fuhren Autos vor. Dann ging ein Kind die Brücke entlang, stieg ein und kam nie mehr zurück.“ Wie sehr wünschte sich der kleine Georgi, auch einmal abgeholt zu werden. Und endlich Eltern zu haben.

An seine ersten fünf Lebensjahre kann sich der gebürtige Bulgare fast nicht mehr erinnern: „Es ist, als wäre eine Festplatte gelöscht.“ Erst, als seine heutigen Eltern ein knappes Jahr, bevor sie ihn mit nach Eisingen nehmen konnten, in sein Leben traten, setzt seine Erinnerung ein. Warum er ein so schlechtes Gefühl hat, wenn er an sich als Kind zurückdenkt, weiß er nicht. Es gab genug zu essen. Der Kindergarten war schön. Gut, das Bett war hart und unbequem gewesen. Auch hatte es Strafen gegeben. Aber rühren die schlechten Gefühle vielleicht von seiner Ursprungsfamilie her? War er als Baby ungut behandelt worden? Hauschild weiß es nicht. Und wird es wohl nie erfahren.

Seit seinem Besuch in Bulgarien ist das scheußlich schlechte Gefühl weg. Was vor allem an der ehemaligen Erzieherin lag, die sich noch gut an ihn erinnern konnte. Sie brachte eine Kiste voller Fotos. Auf vielen der meist unscharfen, verwaschenen Bilder lächelt Georgi in die Kamera. „Ich galt als umgängliches Kind“, weiß er. Darum hatten sich auch seine Eisinger Eltern für ihn entschieden.

Die Erzieherin war gerührt über das Wiedersehen:„Sie meinte, das hätte sie noch nie erlebt, dass ein adoptiertes Kind noch einmal zurückkommt.“ Sie führte die Besucher durch das Haus, zeigte, wo Georgi früher gelebt hat. Teilweise kamen Hauschilds Erinnerungen zurück: „Ich erkannte das Musikzimmer, da hatte ich Akkordeon gespielt.“ Auch wusste er noch, wo der Fernseher hing und die Badewanne stand. Außerdem erinnerte er sich im ehemaligen Schlafsaal, wo ungefähr sein Bett war. Ganz vertraut war ihm ein großes Wandgemälde: „Und die Metalllok auf dem Spielplatz.“

Heute leben keine elternlosen Kinder mehr in dem Gebäude: „Es gibt im Moment nur noch eine Tagesgruppe für Kinder mit psychischer Behinderung.“ Der gesamte Komplex soll 2018 saniert und neuen Nutzungen zugeführt werden. In einem Jahr hätte Hauschild das Wandgemälde also garantiert nicht mehr zu sehen bekommen. Alles wäre anders gewesen, viele Erinnerungen unmöglich wieder aufzufrischen: „Es war ein unglaublicher Zufall, dass ich genau zum jetzigen Zeitpunkt nach Bulgarien kam.“

Hauschild ist froh, dass er seine Angst überwunden und die Gespenster der Vergangenheit vertrieben hat. Anderen erwachsenen Adoptivkindern kann er nur raten, sich auf Spurensuche nach ihren Wurzeln zu begeben. „Ich selbst habe viel zu lange alles verdrängt“, sagt der junge Mann, der im Eisinger St. Josefs-Stift den praktischen Teil seiner Ausbildung absolviert. Frühere Angebote seiner Eltern, zum Urlaub nach Bulgarien zu fahren, hatte er immer abgelehnt. Bloß nicht!

Inzwischen kann sich Hauschild vorstellen, noch einmal Bulgarisch zu lernen: „Denn ich kann kein einziges Wort mehr.“ Selbst für eine weitere Fahrt nach Bulgarien wäre er offen. Eher nicht, um herauszufinden, wer seine leiblichen Eltern sind: „Die hätten ohnehin keinen Bezug zu mir.“ Sondern einfach nur, um da zu sein, wo sein Leben begonnen hat.

Durch das EU-Programm Erasmus+ sollen Auszubildende verschiedene Systeme der beruflichen Bildung in Europa kennen lernen. Die Würzburger Fachschule für Heilerziehungspflege stellte den diesjährigen Austausch unter das Motto „Antidiskriminierung in der Ausbildung von Heilerziehungspflegern“. Zwei Gruppen besuchten verschiedene Partnereinrichtungen in ganz Europa. Georgi Hauschild war Teil einer vierköpfigen Gruppe, die im April das Cedar Foundation Sofia und Kazanlak kennen lernte.

Von Pat Christ

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