Vermisst in Bulgarien: Wie der Fall Lars Mittank anderen betroffenen Familien hilft

Written by on February 13, 2017 in Panorama, Uncategorized - Comments Off on Vermisst in Bulgarien: Wie der Fall Lars Mittank anderen betroffenen Familien hilft

Am Flughafen Varna wurde Lars Mittank am 8. Juli 2014 zum letzten Mal gesehen.

“Wir werden Lars finden, da lassen wir uns nicht von abbringen.” Dies ist die jüngste Nachricht von Sandra Mittank, einer Mutter, die ihren Sohn nicht mehr gesehen hat seitdem er im Sommer 2014 im bulgarischen Stadt Varna verschwand. Ihn zu finden ist seither die Mission ihres Lebens. Sie hat viele Tränen vergossen, vor deutschen und bulgarischen Fernsehkameras und zuhause im norddeutschen Flachland.

Der Fall Lars Mittank ist so schwer zu verstehen, da absolut kein Grund für sein Verschwinden vorzuliegen scheint. Er rannte aus dem Terminal des Flughafens von Varna, kletterte über einen Zaun und wurde seither nicht wiedergesehen. Wie kann ein junger Mann in Varna verschwinden? Er wollte nach Hause fliegen, rannte aber weg.

Jedes Mal, wenn ein möglicher neuer Hinweis auftaucht, hofft Sandra Mittank, dass dieser ihren Sohn zurück nach Hause bringen wird. Sie will Lars zuhause willkommen heißen, in den Arm nehmen und Tränen der Freude weinen. Darauf hat sie bisher zwei Jahre und sieben Monate lang gewartet. Es ist nicht passiert.

Sandra Mittank wird nicht aufgeben. So hart die Suche auch für sie ist, weiß sie, dass ihre Bemühungen bereits anderen Familien dabei geholfen haben, ihre Vermissten wiederzufinden. Am 6. Dezember 2016 erhielt sie ein Foto, das bei ihr, Lars’ Freunden und allen an dieser traurigen Geschichte beteiligten Menschen Hoffnung aufkommen ließ. Es war das Foto eines Mannes in einem Krankenhausbett in der brasilianischen Stadt Porto Velho. Dieser junge Mann, mit einer langen, blonden Mähne und einem ebenso langen Bart sah aus wie Lars Mittank. Auf dem Foto jedenfalls.
 
Die gute Nachricht und das Foto verbreiteten sich schnell. Sandra Mittank und ihre Helfer wussten allerdings, dass sie die Identität des Mannes zuerst verifizieren mussten. Ein paar Tage später teilten sie mit, der Mann auf dem Foto sei nicht Lars Mittank, sondern ein anderer Vermisster. Anton Pilipa, ein Kanadier, war fast fünf Jahre lang vermisst worden. Indem Sandra Mittank Antons Foto in der Hoffnung auf ein Wiedersehen mit Lars überall auf Facebook und im Rest des Internets verteilte, trug die Familie Mittank dazu bei, den Fall zu verbreiten und Anton zu seiner Familie zurückzubringen.

 

Anton Pilipa (links) mit seinem Bruder, nachdem er fünf Jahre land vermisst wurde. Bild: gofundme.

Es stellte sich heraus, dass sich Anton, der an Schizophränie litt, vor einer Gerichtsverhandlung aus dem Staub gemacht hatte, die wegen eines Überfalls angesetzt worden war, für den er weiterhin verantwortlich gemacht wird. Wie nun bekannt wurde, gelang es ihm, von seiner kanadischen Heimatstadt Scarborough bis nach Brasilien zu laufen und zu trampen. Dort teilte er der Polizei nur mit, er sei Kanadier. Ein Polizeibeamter recherchierte den Fall im Internet und trug ebenfalls zu einer Aufklärung bei. Nachdem Anton aus dem Krankenhaus in den brasilianischen Dschungel geflohen war, wurde er in Manaus, am Amazonas, wieder aufgespürt. Dort holte ihn schließlich sein Bruder ab.
 
Sandra Mittank schrieb zum Fall Anton, seine Mutter sei zunächst sehr skeptisch gewesen und hätte nicht glauben können, dass das Foto ihres Sohnes echt war.
 
Vor zwei Jahren gab es einen weiteren Moment der Hoffnung, als sich ein Bulgare über die für die Suche nach Lars eingerichtete Facebook-Seite bei den Mittanks meldete. Er meinte, er hätte mehrere Male einen Obdachlosen gesehen, der Deutsch und Englisch zu sprechen schien. Allerdings besaß der Mann, der die Nachricht geschickt hatte, weder ein Smartphone, noch eine Kamera. Es dauerte ein paar Tage, bis seiner Tochter ein Foto des Obdachlosen machen konnte, das dann sofort nach Deutschland gemailt wurde. In diesem Fall reichte das Bild aus, um zu bestätigen, dass es nicht Lars war, der auf den Straßen Sofia lebte und offenbar nicht wusste, wo er hingehörte.
 
Einige Monate zuvor hatte die Presseberichterstattung den Fall Lars Mittank in Varna bekanntgemacht. Viele Bewohner der Stadt am Schwarzen Meer hielten die Augen offen. Ein weiterer junger Mann wurde in der Nähe der Stadt gefunden, der zu Lars’ Beschreibung zu passen schien. Auch er sprach Deutsch und wusste nicht, wer er war. Auch wollte er versuchen, sich umzubringen. Passanten riefen die Polizei. Es stellte sich heraus, dass dieser Mann Pole war. Er wurde nach Hause geflogen und sein Leben wurde wahrscheinlich gerettet.
 

Die Fälle aus Kanada und Polen gaben Sandra Mittank Hoffnung. Wenn Anton Pilipa und der Pole Jahre nach ihrem Verschwinden gerettet werden konnten, warum sollte dies dann mit Lars nicht möglich sein?

Der Vermisstenfall Lars Mittank begann am 30. Juni 2014. Der gutaussehende, 28-jährige Norddeutsche flog mit Freunden nach Varna, um am sogenannten “Goldstrand” in der Nähe ein paar Tage am Strand zu genießen. Kurz vor dem Rückflugtermin geriet der eingefleischte Werder Bremen-Fan Lars in eine Schlägerei mit einem Bayern München-Rowdy. Dabei zug er sich einen Trommelfellriss zu, weshalb er zunächst nicht fliegen durfte. Seine Freunde flogen ohne ihn nach Hause.

Nachdem er sie am Flughafen verabschiedet hatte, fuhr Lars mit einem Taxi zu einem billigen Hotel. Dort fühlte er sich aber nicht sicher, wie seine Mutter weiß, da Lars sie am frühen Morgen des 8. Juli 2014 anrief. Er schaffte es irgendwie zum Flughafen, wo er die Praxis des Flughafenarztes betrat.

 

Wo ist Lars Mittank?

Dann passierte das Unerklärliche: Lars saß vor dem Arzt. Plötzlich stand er auf, ließ sein Telefon, seinen Pass und sein Gepäck in der Praxis und rannte weg. Er verließ den Flughafenterminal, lief über den Vorplatz, sprang über einen Zaun und wurde seither nicht mehr gesehen. Offensichtlich flippte Lars aus, aber warum? Noch wichtiger wäre die Beantwortung der Frage, was passierte, nachdem er am Flughafen von Varna über den Zaun kletterte. Weder die bulgarische Polizei, noch ein von den Mittanks angeheuerter deutscher Detektiv, der in Bulgarien ermittelte, konnten diese Fragen beantworten.
 
Eine Belohnung von 40.000 Euro wurde ausgesetzt, für den entscheidenden Hinweis zum Aufenthaltsort eines jungen Norddeutschen, der am vergangenen Donnerstag seinen 30. Geburtstag hätte feiern können, wenn er zuhause gewesen wäre. Eine Belohnung dieser Größenordnung zieht natürlich auch Mafiosi und andere obskure Zeitgenossen an. Einer davon bot der Familie Mittank an, er werde Informationen aus Leuten herausprügeln. Das Angebot wurde abgelehnt. Die Chuck Norris-Methode funktioniert hier nicht.
 
Dies sind die Fakten: Lars war am Flughafen von Varna und verschwand dann. Falls er lebt, muss er irgendwo sein. Und wenn er irgendwo ist, muss ihn irgendwer finden.
 
By Imanuel Marcus

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