Kavarna in Bulgarien: Wo die Sonne im Norden aufgeht

Written by on August 22, 2017 in Bulgarien - Comments Off on Kavarna in Bulgarien: Wo die Sonne im Norden aufgeht

Die Autofahrt von Sofia nach Kavarna im Norden der bulgarischen Schwarzmeerküste ist angeblich eine angenehme Reise von 546 Kilometern, die man problemlos in sechs Stunden und zwölf Minuten zurücklegen kann, wenn man die südliche Route über Burgas wählt. Dies stimmt aber nur bedingt. Bis Burgas ist an diesem frühen Montagmorgen im August 2017 alles mehr oder minder in Ordnung. Dann führt eine kleine Abweichung von der von Google Maps erstellten Strecke zum ersten Hindernis: Das übliche Verkehrschaos in der Region um das Küstenstädtchen Pomorie kostet die Reisenden eine Stunde. Hinzu kommt ein frisch gemeldeter Unfall, der den Stau verlängert.

Die Ausweichroute entpuppt sich als eine der schlechtesten Straßen des Kontinents. Das alarmierende Gehüpfe über extreme Bodenwellen im Asphalt sorgt dafür, dass die Urlauber im Fahrzeug bereuen, den Stau bei Pomorie verlassen zu haben. Aber dann, nördlich von Slanchev Briag, das in den drei deutschsprachigen Ländern auch als Sonnenstrand bekannt ist, verbessert sich die Situation zusehends. Alles hätte nun perfekt sein können, wenn die Touristen aus Sofia nicht um 4 Uhr früh aufgestanden wären.

Die Fußgängerzone von Kavarna wirkt tot. Foto: Imanuel Marcus.

Nach einer doch längeren Odyssee kommt endlich Kavarna ins Blickfeld. Der verschlafene Ort mit 11.000 Einwohnern befindet sich nur 43 Kilometer südlich der bulgarisch-rumänischen Grenze. Der Weg zum Touristenviertel Kavarna Hills führt durch einen Roma-Slum, in dem die Straßen mit Müll übersät sind. Aber im nächsten Moment erreicht die Reisegruppe ein kleines Paradies. An einem reichlich bewachsenen Hang befinden sich kleine Apartment-Hotels, deren Balkons und Fenster den Blick auf die Schönheit der nördlichen Küste freigeben.

Die Farbe des Schwarzen Meeres reicht hier von verschiedenen Blautönen bis hin zu einem überaus schönen Türkis. Zwei kleine Strände und zwei ebenso winzige Häfen für Fischkutter sind schon von oben sichtbar. Ein Spaziergang von ein paar Minuten führt an ein paar Ruinen vorbei, zur Strandpromenade, wo ein teureres Restaurant sanfte Saxophon-Klänge bietet, anstatt des auf dem Balkan fast unausweichlichen “Bumm Bumm Bumm”-Musikterrors.

Im örtlichen Roma-Slum sucht ein kranker Hund nach Nahrung. Foto: Imanuel Marcus.

Vor 7 Uhr am nächsten Morgen sitzen etwa fünf 50- bis 60-jährige Männer auf den Felsen am plätschernden Meer und hantieren mit Angelrouten. Ein paar Meter weiter, an einem der kleinen Quais, kommt ein kleiner Kutter angetuckert. Zwei Männern, die in ihrem völlig heruntergefahrenen Opel Astra gewartet hatten, werden vier große Styropor-Kartons mit frischem Fisch und Eiswürfeln übergeben. Sie packen die kostbare Ware in das Fahrzeug und brausen davon, während ein ausländischer Amateurfotograf und drei Straßenhunde zurück bleiben, in dieser wie ein Wunder anmutenden Ruhe. Nur das Geplätscher des Meeres ist hörbar.

Wer in einem der Apartmenthotels in den Kavarna Hills bleiben will, sollte ein Auto haben, denn dieser Ort ist abgelegen. Der CBA-Supermarkt ist 4 Kilometer entfernt, Lidl in Ortschaft Balchik sogar 18 Kilometer. Selbst das Zentrum Kavarnas, mit seiner leeren Fußgängerzone, ist zu weit weg für einen Spaziergang.

In Kaliakra bei Kavarna kommt alles Gute von oben, Energie inklusive. Foto: Imanuel Marcus.

Wer erwartet, dass die Sonne am Strand von Kavarna wie an fast allen anderen Stränden Bulgariens im Osten aufgeht, liegt falsch. Unser Stern kommt im Norden über den Horizont. Zumindest fühlt es sich so an, da sich der Horizont, auf den man hier blickt, im Süden befindet. Romantische Sonnenauf- oder -untergänge über dem Meer finden in Kavarna also nicht statt. Diese Region macht dies aber mit anderen Eigenschaften und Sehenswürdigkeiten ohne weiteres wieder wett.

Die Festung von Kaliakra ist ein interessanter Ort für einen Ausflug und der Strand von Bolata ist einer der schönsten in der Region. Wer es allerdings etwas wilder mag, kann sich nach Shabla begeben, wo ein gut 20 Kilometer langer, bis Rumänien reichender Strand beginnt, dessen heftige Wellen Spaß machen.

In Bulgarien gibt es also keine Windräder? Falsch. Etwa 100 Windmühlen mit Turbinen liefern hier nachhaltige Energie, und zwar viel davon. Diese Windräder wirken zwar kleiner als die Energiemühlen, die man etwa in Deutschland an den Autobahnen sieht. Sie tun jedoch ihren Job.

Am Strand von Kavarna ist die Zeit stehengeblieben. Foto: Imanuel Marcus.

Die Vogelbucht von Taukliman existiert nicht mehr. Das Tor ist geschlossen. Dies ist jedoch nicht weiter tragisch, denn die in der Nähe befindlichen Felsen von Tyulenovo bieten ein sprichwörtluch umwerfendes Naturschauspiel. In Millionen Jahren hat das Schwarze Meer Höhlen und interessante Formen in sie hineingefressen. Etwa 20 junge Bulgaren aus Sofia haben hier ihre kleinen Zelte aufgeschlagen. Die Männer tragen gut gepflegte Hipster-Bärte, die sie unmißverständlich als erfahrene Abenteurer ausweisen. Selbiges gilt für die Frauen, von denen einige indische Röcke tragen. Niemand wird diese Aktivurlauber mit Sonnenstrandtouristen verwechseln.

Sie haben genau den richtigen Ort für ihre Meditationen gefunden, aber auch für ihre Rum- und Whisky-Partys. Die leeren Flaschen liegen an der Feuerstelle. Auch befinden sie sich an dem Ort, an dem man am besten von Felsen aus ins Schwarze Meer springen kann. Dies ist allerdings eine gefährliche Aktivität, die seit 2009 mindestens vier junge Männer das Leben gekostet hat. Ein Grab auf einem der Felsen wirkt wie eine Mahnung.

Die Felsen von Tyulenovo laden nicht nur zum Klettern ein. Foto: Imanuel Marcus.

Schöne Kristalle können Urlauber hier von den Felsen abbrechen. Die August-Hitze lässt sich mit Meerwasser-Duschen weitaus leichter ertragen, die an einigen Stellen am dem Meer zugewandten Rand der Felsen genossen werden können, wo größere Wellen emporschwappen. Aufgrund glatter Stellen ist auch dabei Vorsicht das oberste Gebot.

Für Touristen, die es sich doch eher am Sandstrand gemütlich machen wollen, bietet sich auch der direkt am Hafen gelegene Strand von Balchik an. Wer es schafft, nicht von den andauernd vor dem Eingang hin- und herrasenden Lastwagen überfahren zu werden, wird hier nette Nachmittage verbringen können.

Ist das Schwarze Meer im Norden kälter? Ja, möglicherweise um 3 bis 5 Grad. Das Wetter war im August 2017 aber oft besser besser als in Kiten oder Sozopol, wo es diverse Male regenete. Der Norden bietet weniger Strände, aber auch weitaus weniger Touristen. Einer der überzeugendsten Aspekte des Nordens: Das Meerwasser fühlt sich weitaus sauberer an, da es dies ist.

Zur englischen Version dieses Artikels geht es hier.

 

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Imanuel Marcus is Associate Editor of The Sofia Globe. He is German and lives in Sofia. Contact: imanuelmarcus (at) gmail.com