Das Schwarze Meer: Bedrohung für die Gesundheit

Written by on May 10, 2017 in Bulgarien - Comments Off on Das Schwarze Meer: Bedrohung für die Gesundheit

Wer springt nicht gerne ins Schwarze Meer? Am wilden Teil des Strandes von Dyuni fühlt sich dessen Wasser gut an. Dies gilt auch für den Irakli-Strand weiter nördlich oder die südlich von Sinemorets gelegenen, unbewachten Strände. Das Nacktbaden ist dort kein Problem, denn kaum jemand klettert über die Felsen, um dorthin zu gelangen. Und diejenigen, die den Weg auf sich nehmen, “vergessen” in der Regel sowohl ihre Badehosen und Bikinis, als auch ihre Vergrößerungsgläser. Umwerfend. Die Sonne. Der Sand. Das Wasser. Perfekt.

Der bulgarische Tourismussektor mag das Schwarze Meer ebenfalls. Und zwar sehr. Viele Touristen lassen große Haufen an Devisen zurück, die wiederum für die Wirtschaft Bulgariens so wichtig sind. Also: Die Touristen sind glücklich, die Wirtschaft ist glücklich, Alle sind glücklich, richtig? Falsch. Denn die Medallie hat eine Kehrseite.

Die Strategie des grenzenlosen Wachstums, ohne Schutz für das Schwarze Meer, das Millionen Touristen anzieht, wird nach hinten losgehen. Und dies bald. Umweltschützer sind davon überzeugt. Und es klingt plausibel, denn das Schwarze Meer ist nicht nur eine Gelddruckmaschine, sondern auch ein Ökosystem, eines das bereits nachhaltig beschädigt ist.

Jeder Tourist kann am oder im Meer Spuren finden, die auf die Probleme hindeuten: Ein weiterer toter Delphin wurde vor wenigen Tagen in Bulgarien angespült. Gleichzeitig schwimmen Touristen zuweilen in menschliche Fäkalien hinein, zum Beispiel südlich von Kiten. Was Touristen sehen, ist aber nur die Spitze des Eisberges.

Im Sommer letzten Jahres malte der bulgarische Biologe Dimitar Popov in einem Fernsehinterview ein düsteres Bild der Gesundheit des Schwarzen Meeres. Gegenüber deutschen Fernsehreportern sagte er, die Wasserqualität sei schlechter als an allen anderen europäischen Küsten. Die Probleme beeinflussen ihm zufolge die Delfine und Fische aller Größen.

Ebenfalls im vergangenen Jahr versuchte die Deutsche Welle, mit Beamten in Nesebar über nicht vorhandene, große Kläranlagen zu sprechen, deren E.U.-Finanzierung bereits vorlag. Es wäre in dem Interview darum gegangen, was mit dem Geld passierte. Der Interviewpartner erschien aber nicht zum verabredeten Zeitpunkt. Dies allein beweist natürlich gar nichts. Sicher ist jedoch: Das Fehlen großer Kläranlagen in den großen Orten an der bulgarischen Küste führt zu existenziellen Problemen.

Dieses Problem könnte sich schon in absehbarer Zeit als sehr teuer herausstellen, nämlich wenn die Touristen und Reiseveranstalter merken, dass ein Problem vorhanden ist und dass es nicht zuletzt in Bulgarien weitgehend unter den Teppich gekehrt wird. Die Verschmutzung dieses Meeres wird enorme wirtschaftliche Folgen haben, da es für badende Touristen, Delfine und Fische nicht mehr gesund ist und da sich der Zustand weiter verschlechtert. Kaum jemand unternimmt geeignete Schritte zur Lösung der Probleme, beziehungsweise für deren Eindämmung. Schadensbegrenzung müsste eigentlich betrieben werden, in großen Schritten.

Sechs Staaten haben Küsten entlang des Schwarzen Meeres: Die Türkei, Georgien, Russland, die Ukraine, Rumänien und Bulgarien. Keines dieser Länder ist dafür bekannt, Vorreiter in Sachen Umweltschutz zu sein. Bewohner an den Küsten wurden derweil Zeugen großer Veränderungen.

Ruslan Shavov, ein Fischer in der Ukraine, sagte 2016 gegenüber dem Smithsonian Magazine, vor nur einem Jahrzehnt sei das gesamte Schwarze Meer voller Leben gewesen, “von Bestien bis hin zu Vögeln und Fischen”. Heute sei das Meer hingegen ein trauriger Anblick. “Müll, Öl und Scheiße. Das ist alles”, meinte Shavov gegenüber der Publikation. “Und wer sollte darin leben können?”

Der wilde Teil von Dyuni in Bulgarien: Einer der wenigen, leicht zugänglichen Strände, die nicht überlaufen sind. Foto: Imanuel Marcus

Die Kommission zum Schutz der Donau (ICPDR) sagt, das Schwarze Meer sei mit gefährlichen Substanzen belastet, die sowohl aus den sechs Küstenländern kämen, als auch aus den Flüssen, die ins Meer flössen, darunter auch der Donau. Der Organisation zufolge begann das Problem schon 1960, als die Industrie an der bulgarischen Küste, aber auch an den Schwarzmeerküsten der anderen fünf Staaten noch sehr aktiv war. Laut ICPDR war damals vor allem das einzigartige Ökosystem im nordwestlichen Teil des Meeres sehr belastet. Mit anderen Worten: Der Dreck kam aus der Ukraine, aus Rumänien und Bulgarien.

Die Europäische Umweltagentur (EEA) ist ebenfalls besorgt. Diese Institution sagt, das Ökosystem des Schwarzen Meeres werde genauestens geprüft. Die planlose Entwicklung von Küstenabschnitten, eine Disziplin, die in Bulgarien alles andere als unbekannt ist, habe ihren Effekt. Auch der intensive Schiffsverkehr und eine Überfischung stellten Probleme dar.

Nichtregierungsorganisationen in den sechs Staaten um das Schwarze Meer herum haben sich nun zur übergreifenden Organisation “Black Sea Scene” zusammengeschlossen, um gemeinsam zu forschen und Erkenntnisse austauschen zu können. Es ist keine Überraschung, dass dieser Zusammenschluss sogenannter NROs mehrere erhebliche Probleme identifizierte: “Das Phänomen der Eutrophierung und Versetzung des Meeres mit Verbindungen aus Stickstoff und Phosphor, zum Großteil als Resultat von Verschmutzung durch landwirtschaftliche, private und industrielle Quellen, summiert sich zu einem erheblichen, grenzübergreifenden Problem.” Nach Ansicht dieser NRO-Experten wird das Ökosystem des Schwarzen Meeres dadurch “in einem andauernden Prozess abgebaut.”

Schätzungsweise sind die sechs Staaten um das Meer herum für 70 Prozent der Verschmutzung des riesigen Gewässers direkt verantwortlich, die auf verschiedenen Wegen im Wasser ankommen. Die verbleibenden 30 Prozent kommen durch die Flüsse, inklusive der Donau. Bulgarien nutzt den Fluss als Kühlsystem für zwei noch in Betrieb befindliche Atomreaktoren in Kozloduy, die sich nur etwa 350 Kilometer von dem Punkt entfernt befinden, an dem die Donau ins Schwarze Meer läuft. So gelangt Radioaktivität in kleinsten Portionen, dafür aber konstant, ins Meer. Die Katastrophe von Tschernobyl vor 31 Jahren sorgte hingegen auf einen Schlag für einen großen Schaden.

Ein weiteres von “Black Sea Scene” identifiziertes Problem ist das Ablassen von “ungenügend behandeltem Abwasser” ins Schwarze Meer. Dies führt zu einem Folgeproblem, das von Wissenschaftlern “mikrobiologische Kontamination” genannt wird und eine “Bedrohung für die öffentliche Gesundheit” darstellt. Touristen sind davon nicht ausgenommen. Aber sie kommen weiter ans Schwarze Meer, aus einem einzigen Grund: Sie wissen nicht, worin sie baden.

Das Schwarze Meer ist so viel, nämlich eine Gelddruckmaschine für die Tourismusbranche und ein Wachstumsmittel für die Wirtschaft Bulgariens und anderer Staaten, die auf Tourismus angewiesen sind. Es ist aber auch ein “strategischer Korridor, der Schmuggelkanäle für legale und illegale Produkte bietet, darunter Drogen, radioaktives Material und Fälschungen, deren Erlös zur Finanzierung von Terrorismus genutzt werden kann”. So sieht es die NATO. Gerade heute ist dieses Meer auch ein Korridor für Kriegsschiffe und ein Ort für Großmanöver der Marinen.

Die Tatsache, dass das Schwarze Meer auch ein Ökosystem ist, scheint auf den Prioritätenlisten der genannten Staaten, darunter Bulgarien, unterzugehen. Dies wird sich aber ändern. Entweder werden die Länder das Problem freiwillig angehen. Oder sie werden gezwungen sein, schnellstens aktiv zu werden, wenn der miese Zustand des Schwarzen Meeres bald selbst für uns Laien noch etwas sichtbarer ist.

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Imanuel Marcus is Associate Editor of The Sofia Globe. He is German and lives in Sofia. Contact: imanuelmarcus (at) gmail.com