“Little London” in Sofia: Britische Nahrungsmittel für den “Notfall”

Written by on April 22, 2017 in Stadt Sofia - Comments Off on “Little London” in Sofia: Britische Nahrungsmittel für den “Notfall”

Manchmal muss es einfach sein. Viele Westeuropäer, die länger in Bulgarien leben haben manchmal plötzlich den Drang, die bulgarische Küche einen Tag lang zu ignorieren, um zur “Basis” zurückzukehren, nämlich zu Essen und Marken, die sie kennen und die Erinnerungen hervorrufen. Dafür gibt es den Briten Andrew Sowray, der in Sofia seinen kleinen Lebensmittelladen “Little London” betreibt.

Wo in Bulgarien gibt es Ravioli oder Spaghetti in Dosen? Nirgends. Außer bei Andrew. Dies gilt auch für vernünftigen Speck, der übrigens in Bulgarien produziert wird, Soßen aus England, bestimmte Kelloggs-Produkte, Süßigkeiten, von denen in Bulgarien sonst jede Spur fehlt oder auch Bier. Klar, bulgarisches Bier ist annehmbar. “Little London” bietet aber eher dunkles, britisches Bier an. “Britisches Bier ist einfach anders”, sagt Sowray. Selbst Coca Cola mit Vanillegeschmack gibt es hier.

Wer zu Andrew Sowray ins Geschäft geht und glaubwürdig darlegt, dass er oder sie ein bestimmtes, in Bulgarien nicht verfügbares Lebensmittelprodukt regelmäßig abnehmen würde, wird auch bedient. Der Eigner des Ladens wird dann gerne recherchieren und die gewünschte Ware gegebenenfalls importieren. In Bulgarien ist Sowray für viele Produkte der einzige Importeur.

Zum einen sind es Briten, die “Little London” aufsuchen. Der British Council ist 50 Meter entfernt. Auch die Leute von der Botschaft kommen. Viele andere Westeuropäer betreten das niedliche Geschäft ebenfalls, darunter auch Deutsche und Holländer. “Es gibt hier eine ziemlich große, niederländische Gemeinde”, sagt Andrew Sowray. “Einmal ist ein Typ hier vorbeigekommen, der nach bestimmten Produkten gefragt hat. Ich habe dann Recherchen angestellt, da ich absolut keine Ahnung hatte, worum es sich handelte. Dann stellte sich heraus, dass es Würste und Fleischbällchen waren, die aber ganz anders hießen. Dies ist bestimmt auch in Deutschland der Fall.”

Es gibt beispielsweise auch Restaurants in Sofia, mit bestimmten Erfordernissen, für die “Little London” bestimmte Lebensmittel importiert und sie dann auch liefert. Das zentrale Augenmerk liegt aber auf den Konsumenten, die das Geschäft betreten, um ihre Gelüste nach Nahrung und Getränken zu stillen, die eben anno dazumal, in der Heimat, auf dem Tisch standen.

Zu den Einzelkunden gehören aber zunehmend auch Einheimische. “Die Bulgaren reisen nun viel mehr als früher”, sagt Sowray. Ihm zufolge lernen sie in Großbritannien Produkte kennen, die sie dann hier haben wollen. Viele Bulgaren sind bereits süchtig nach dem schottischen Produkt “Shortbread”, einer Art Butterkeks. Auch Schokolade mit Orangengeschmack, und in Form einer Orange, hat es den bulgarischen Kunden angetan: “Das kannten die Bulgaren noch nicht. Wir verkaufen sehr viel davon.”

Andrew Sowray kam 1999 nach Bulgarien. Er mag die bulgarische Küche, kam aber an den Punkt, an dem er etwas kochen wollte, das Zutaten erforderte, die es in Bulgarien schlicht nicht gab: “Es wurde etwas frustrierend, wenn ich beispielsweise Curry machen wollte, die Zutaten aber nirgends verfügbar waren.” Mit seiner bulgarischen Frau fuhr er zuweilen bis Thessaloniki, um entsprechende Waren zu erstehen. Mit der Zeit wurde ihm dies zu weit.

Vor zehn Jahren, 2007, eröffnete er schließlich sein Geschäft, das sich zunächst in der Nähe des Boulevard Bulgaria, im Süden Sofias, sozusagen am Ende der Welt, befand. Vor einem Jahr verlegte er den Laden schließlich ins Zentrum Sofias, in die Krakra-Straße im Viertel “Doktorska Gradina”.

Eine Kanadierin, die “Little London” am Donnerstag zufällig fand, konnte ihr Glück kaum fassen. Sie verließ den Laden am Ende mit zwei riesigen Tüten voller Lebensmittel und kündigte an, sehr bald wiederkommen zu wollen. Dies ist verständlich, und zwar nicht nur aufgrund der Waren. Andrew Sowray ist ein überaus netter Zeitgenosse, der sich gerne auch mit Kunden unterhält.

Hinweis: Der zu diesem Artikel gehörende Videobericht wurde auf Englisch erstellt.

Foto: Imanuel Marcus

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Imanuel Marcus is Associate Editor of The Sofia Globe. He is German and lives in Sofia. Contact: imanuelmarcus (at) gmail.com