Die bulgarische Hauptstadt: Große Veränderungen in Sofias Stadtzentrum geplant

Written by on April 5, 2017 in Stadt Sofia - Comments Off on Die bulgarische Hauptstadt: Große Veränderungen in Sofias Stadtzentrum geplant

Wer war nicht schon oft bei McDonald’s am Slaveikov-Platz in Sofia? Wer hat nicht in den alten deutschen, englischen und französischen Büchern gestöbert, die auf dem dortigen Büchermarkt angeboten werden? Wer hat sich nicht schon öfter angeekelt weggedreht, nachdem Hitlers “Mein Kampf” ins Blickfeld kam, dessen bulgarische Version dort zuhauf angeboten wird? Wer hat hier nicht schon mal nach einem Mathe- oder Biologiebuch für seine Kinder gesucht? Wer hat hier, auf dem Metalldeckel des früheren Brunnens, nicht bereits öfter die traurige Geschichte des jungen Mannes gelesen, der aufgrund eines defekten Kabels für die Unterwasserbeleuchtung einen Stromschlag erlitt und starb, als er vor einigen Jahren seine Hand ins Wasser hielt?

Der Slaveikov-Platz ist ein populärer Treffpunkt im Stadtzentrum Sofias und ein Ort, der sich Jahrzehnte hindurch nicht veränderte. Na gut, das Institut Français zog unlängst an den Platz, ein Carrefour-Supermarkt kam und verschwand wieder, was auch für einen Picadilly-Supermarkt und einen großen Computer-Discountladen gilt. Ein CD-Geschäft befand sich an einer der Ecken, bevor sich die Musikwelt für immer veränderte. Heute ist dort eine Buchandlung untergebracht. Die Tierhandlung mit den süßen Welpen im Fenster befindet sich ein paar Schritte weiter, um die Ecke.

So könnte der Slaveikov-Platz in Sofia schon bald aussehen.

Der Büchermarkt war vor 15 Jahren an diesem Standort, als hier illegal kopierte Softwareprogramme en masse veräußert wurden. Er war vermutlich schon viel früher hier und ist es noch heute. Für den Moment jedenfalls. Denn der Slaveikov-Platz wird sich wohl schon bald verändern. Die Stadtverwaltung hat große Pläne, die gar nicht so schlecht aussehen. Dazu gehört eine großangelegte Renovierungsaktion des Büchermarktes. Falls das Rathaus seinen Willen durchsetzen kann, wird dieser schrumpfen und nur noch Freitags bis Sonntags stattfinden. Die Buchändler sind aber verärgert und begannen eine Unterschriftensammlung für eine Petition, die den Markt in seiner heutigen Form retten soll.

Hier geht es aber um mehr als nur den Büchermarkt. Das Projekt der Stadtverwaltung schließt die Graf Ignatiev-Straße mit ein, von der Ecke Tsar Shishman-Straße bis zum Garibaldi-Platz. Die Fußgängerzone wird dem Plan zufolge mit neuen Steinplatten gepflastert und sie erhält Blumenkästen, die auf Computer-generierten Bildern gut aussehen. Die Randsteine auf “Grafa”, die man eigentlich nicht als solche bezeichnen konnte, werden entfernt. Hinzu kommt, dass die ohnehin auseinanderfallenden Straßenbahnschienen ersetzt und in die neue Pflasterung der Straßenoberfläche integriert werden.

Mit der Umsetzung dieses Plans wird Sofia wohl einen Teil seines osteuropäischen Charmes und seiner Exotik verlieren, aber nett aussehen, sollten die vorliegenden Pläne eins zu eins implementiert werden.

Diese antisemitischen Hetzschriften des Führers werden hoffentlich auch verschwinden.

Was ist mit all den Bäumen am Slaveikov-Platz und an der Sveti Sedmochislenitsi-Kirche? Bulgarischsprachige Medien hatten zunächst berichtet, viele der Bäume sollten gefällt und entwurzelt werden, also verschwinden. Gestern korrigierten sie sich, denn die Stadt will so viele Bäume wie möglich erhalten. Nun sieht es so aus, als werde die Anzahl der Bäume sogar wachsen, was gut ist, denn die Hauptstadt mit der am schlimmsten verpesteten Luft in der Europäischen Union braucht ihre Bäume dringend, und zwar auch als Schattenspender während der heißen Sommermonate. Die Ausschreibung für die umfassenden Renovierungsarbeiten wurde entsprechend geändert. Sie enthält nun eine Erhaltung der alten und die Pflanzung neuer Bäume. Heute stehen 303 Bäume in der Gegend, inklusive des kleinen Parks vor der Sveti Sedmochislenitsi-Kirche. Nach der Renovierung sollen es 463 sein. Nicht nur die Hunde werden sich freuen.

Wenn der Plan umgesetzt ist, wird Sofia zwei Fußgängerzonen haben, die diese Bezeichnung verdienen, denn der Vitosha-Boulevard wurde ja unlängst entsprechend konvertiert. Ein sehr modern anmutendes Stadtzentrum ist wohl nicht mehr weit weg.

Aktualisierung 6. April 2017: Bürgermeisterin Yordanka Fandakova hat erklärt, sie wolle die Bücherstände erhalten. So reagierte sie auf eine Anfrage der Bulgarischen Sozialistischen Partei (BSP) im Stadtrat der bulgarischen Hauptstadt. Allerdings sagte sie auch, der Verkauf von Büchern in Kartons solle den Buchhaltungen in der Gegend vorbehalten bleiben.

Bilder: Slaveikov-Platz: Mediapool. “Vorher und nachher”: bTV. Foto des Büchermarktes mit “Mein Kampf”: Imanuel Marcus.

Comments

comments

About the Author

Imanuel Marcus is Associate Editor of The Sofia Globe. He is German and lives in Sofia. Contact: imanuelmarcus (at) gmail.com