Der Winter von 2017: Als Bulgarien zur Schnee- und Eishölle wurde

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Am Montag, den 28. November 2016 fiel in Sofia der erste Schnee der Saison. Dies war der Moment, in dem sich viele Bewohner fragten, ob sie nicht doch endlich ihre Winterreifen aufziehen lassen sollten. Weder die Bulgaren, noch die im Land lebenden Ausländer hatten die leiseste Ahnung, was ein paar Wochen später auf sie zukommen würde.

Dies galt auch für die Abgeordneten in der Nationalversammlung, die vier Tage zuvor einen großen Fehler gemacht hatten. Das Parlament entschied allen ernstes, die Nutzung vion Winterreifen nicht obligatorisch zu machen. Stattdessen waren nun Reifen jeglicher Art mit mindestens 4 Millimeter Profil vorgeschrieben.

Aber Bulgarien wäre nicht Bulgarien, wenn es nicht knapp 24 Stunden später eine konträr anmutende Nachricht für Autofahrer gegeben hätte. Am 25. November 2016 rief die Nationale Straßenagentur alle Autobesitzer in Bulgarien dazu auf, “in den nächsten Tagen” auf jeden Fall Winterreifen zu benutzen. Warum? Weil die Agentur den Wetterbericht gelesen hatte. Etwas Schnee befand sich auf dem Weg. Winterreifen, so hieß es, würden empfohlen, da “die Wahrscheinlichkeit für die Verwicklung in Unfälle für Fahrzeuge ohne Winterreifen größer ist. Zudem könnten sie Hindernisse für Schneeräumfahrzeuge darstellen.” Aha. Die Agentur wusste zu diesem Zeitpunkt nicht, wie richtig sie lag.

Mit einem Panzer versuchen Soldaten am 31. Dezember 2016, die Trakia-Autobahn befahrbar zu machen. Foto: Innenministerium, Sofia.

Die Verwirrung um Winterreifen und Schnee war aber schnell vergessen. Denn in den folgenden Wochen erlebte Bulgarien einen normalen Winter. Es kam kaum Schnee aus den Wolken. Und wenn ein paar Flocken auf dem eher warmen Boden landeten, schmolzen sie innerhalb einer Nanosekunde. Also war alles in Ordnung, zumindest weitgehend, denn es wurde etwas kalt.

Als die Bewohner Sofias am 31. Dezember 2016 dabei waren, sich auf Silvester vorzubereiten, sah es nicht mehr so gut aus, zumindest nicht 200 Kilometer weiter östlich. Da wahrlich riesige Mengen Schnee das halbe Land plötzlich unter sich begraben hatten, blieben Autos, Busse und Lastwagen auf den Autobahnen und Landstraßen Bulgariens stecken. Unter dem Kommando von Boyko Borissov, der zu diesem Zeitpunkt noch Ministerpräsident war, nutzte die Armee Panzer, um feststeckende Fahrer und Passagiere zu retten.

Borissov, der kurz zuvor die Aufräumarbeiten in der Hitrino-Krise geleitet hatte, versprach den Bulgaren, sie würden noch vor Neujahr an ihren Zielen ankommen. Dies klappte offenbar.

Bis zum 3. Januar hatte das weiße Chaos ganz Bulgarien ereilt. Die Verkehrspolizei sah sich genötigt, die Bevölkerung aufzurufen, in den kommenden Tagen nicht zu reisen. Denn -20 Grad Celsius und sogar noch niedrigere Werte wurden vorhergesagt. Zudem waren Schnee und Eis allgegenwärtig. Tonnenweise.

Der Schnee war nervig und stellenweise gefährlich, sah aber schön aus. Foto: Antoniya Marinova Simeonova.

Vom 6. Januar an, sporadisch aber auch schon zuvor, brachen Schneestürme über Bulgarien herein, gepaart mit der sibirischen Kälte, die in diesem Moment nicht mehr witzig war. Täglich galten Wetterwarnungen, zumeist Stufe Rot und Stufe Orange, was für gefährliches Wetter stand.

Es gab da noch einen Punkt: Weihnachten und Chanukkah waren schon länger vorbei. Für Kinder und Jugendliche war es an der Zeit, wieder die Schulbank zu drücken. Aber das Bildungsministerium in Sofia und regionale Behörden verlängerten die Winterferien mehrmals, da es in den meisten Klassenräumen schlicht zu kalt gewesen wäre. Bei -20 bis -25 Grad war dies keine Überraschung.

Menschen starben im Schnee. Drei Flüchtlinge erfroren allein in Bulgarien, ein Mann starb in einer Lawine. Derweil waren hunderte bulgarische Dörfer von der Außenwelt abgeschnitten.

Selbst in Sofioter Straßenbahnen war es verdammt kalt. Foto: Imanuel Marcus

Am 18. Januar 2017 war die Lage noch ernster. Schneeverwehungen hatten bereits mehrere Zugverbindungen in Bulgarien gestoppt. Auf den Straßen sah es nicht besser aus. In vielen Ortschaften war der Schnee so hoch, dass die herausführenden Landstraßen nicht einmal identifiziert werden konnten. Stromausfälle in vielen Dörfern dauerten über Tage hinweg an. Die Armee musste Technikern helfen, in bestimmte Regionen zu gelangen, damit das Problem würde behoben werden können.

Es gab noch einen weiteren Aspekt, den man nicht jeden Tag sah – oder nicht einmal in jedem Jahrzehnt: Die Donau in Nord-Bulgarien war dabei, zuzufrieren. Die Schifffahrt (endlich mal ein Wort mit 3 “f”) wurde eingestellt.

Ebenfalls im Januar erklärten sich in Bulgarien lebende Briten netterweise bereit, dem F&F Magazine, das inzwischen zu The Sofia Globe gehört, Fotos von ihren eingeschneiten Häusern zukommen zu lassen.

Deborah Wilson war eingeschneit. Und sie war nicht die Einzige, die von diesem Schicksal ereilt wurde. Foto: Deborah Wilson.

Deborah Wilson und viele andere “Expatriates” (Ausländer), die in Dörfern überall in Bulgarien leben, mussten damit fertig werden, vom Rest der Welt abgeschnitten zu sein. Auch hatten sie mit gefrorenen Wasserleitungen zu kämpfen. Die Pferde mussten auch bei -25 Grad gefüttert und mit Wasser versorgt werden (Wasser, nicht Eis). Weitere Schwierigkeiten kamen hinzu. Soviel der Redaktion bekannt ist, waren aber keine “Expatriates” mit unlösbaren Problemen konfrontiert.

In Sofia war vermutlich Vieles leichter. Überall im Land hatten die Leute allerdings langsam die Schnauze gestrichen voll, während das Schneetreiben in seine dritte Woche ging. Als das weiße Zeugs dann langsam schmolz, kamen eine Menge Matsch und Dreck zum Vorschein. Dachlawinen stellten ein weiteres Problem dar. Das Dach der Nationalbibliothek in Sofia stürzte teilweise ein.

In Bulgarien war es der kälteste Winter  in 69 Jahren. Er ist aber vorbei. Heute, am ersten Frühlingstag, wird es zumindest in Zentral- und West-Bulgarien richtig warm.

Sofia, im Januar 2017. Foto: Imanuel Marcus

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Imanuel Marcus is Associate Editor of The Sofia Globe. He is German and lives in Sofia. Contact: imanuelmarcus (at) gmail.com