Ein typisches Dorf in Bulgarien: alt, leer und arm

Written by on March 19, 2017 in Bulgarien - Comments Off on Ein typisches Dorf in Bulgarien: alt, leer und arm

Am Ortsschild beginnt das Dorf Zlatusha. Es liegt 25 Kilometer von der Hauptstadt Sofia entfernt, etwa 30 Kilometer von der Grenze zu Serbien und am Rand des Landkreises Sofia. Es ist eines von hunderten Dörfern in Bulgarien, die viel gemeinsam haben.

In den guten Zeiten, aus der Perspektive von Zlatusha, lebten bis zu 1.000 Menschen aller Altersgruppen hier. Heute liegt der Altersdurchschnitt weit oberhalb 60, es gibt kaum junge Einwohner oder Familien. Etwa 100 ältere Bulgaren, zumeist sind es Frauen, sind noch da. Ihre Ehemänner starben und alle anderen Bewohner verließen das Dorf.

Zlatusha ist von schönen Bergen umgeben, ein kleiner Fluss fliesst durch die Ortschaft und die Luft ist eine Million mal besser als in Sofia. Außerdem ist es sehr ruhig. Ab und zu bellt ein Hund oder das Geräusch eine Kettensäge ertönt in der Ferne. Aber die generelle Ruhe fühlt sich sehr gut an, vor allem für Besucher aus dem lauten Sofia.

Zlatusha, ein Dorf im Westen Bulgariens. Foto: Imanuel Marcus

Das einzige Geschäft im Dorf ist eine Art Café. An diesem Samstag fällt eine 15-köpfige Wandergruppe hier ein, um Wasserflaschen, Coca Cola und Schokolade zu erwerben. Der junge Mann hat vermutlich seit 1970 nicht mehr so viele Gäste auf einmal gesehen. Allerdings war er damals noch nicht einmal gezeugt.

Auf dem zentralen Platz Zlatushas gab es einst eine Schule. Das einstige Schulgebäude fällt auseinander, ein Schicksal, das hier auch viele Wohnhäuser ereilt. Es ist leicht sich vorzustellen, wie diese Schule vor etwa 30 Jahren ausgesehen haben muss. Einige der Familienhäuser mit zusammengefallenen Mauern und riesigen Löchern in den Dächern scheinen ebenfalls Geschichten zu erzählen, von Menschen, die darin wohnten und die alten Möbel nutzten, die überall herumliegen.

Das erwähnte Café scheint meistens geschlossen zu sein. Auch hat das Dorf eine Ampel, die im Wind hin und her schaukelt, aber außer Betrieb ist, ein winziges Postamt, das in einer Art Schuppen untergebracht ist, sowie eine offenbar verlassene medizinische Einrichtung.

Hinter der Tür zu Nummer 16 passiert nicht viel. Foto: Imanuel Marcus.

Auf den beiden kleinen Friedhöfen sind Gräber zum Teil mit Müll bedeckt. Etwa ein Viertel aller Häuser sind bereits zusammengefallen, viele andere werden bald folgen. Selbst die Wachhunde im Dorf, die an ihre Hütten gekettet sind, sehen nicht gut aus. Die meisten von ihnen sind unterernährt und offenbar werden sie nie abgekettet. Es tut weh, diese armen Kreaturen anzusehen.

Ja, typische Dörfer in Bulgarien befinden sich in schönen Landschaften, da das Land eben so viel Schönheit zu bieten hat. Was sie aber nicht haben, ist Arbeit. Es gibt absolut keine Jobs in Zlatusha oder in den meisten anderen Dörfern in diesem Land. Aus diesem Grund verschwanden die jüngeren Bewohner bereits vor langer Zeit.

Die meisten von ihnen tauschten diese Idylle mit dem Lärm und Schmutz Sofias. Sie hatten keine Wahl, denn nur dort gibt es Arbeit. Ein jüngeres Paar aus Zlatusha, das im Moment für ein bis zwei Wochen nach Hause gekommen ist, fand im fernen Spanien Arbeit. Ein alter 3er-BMW mit zerissenen Sitzbezügen und einem spanischen Nummernschild steht vor dem sogenannten Café.

Dieses Dach in Zlatusha sieht noch gut aus. Foto: Imanuel Marcus

Es gibt einen Aspekt, der dieses Dorf einzigartige macht. Der Vater des früheren Ministerpräsidenten Boyko Borissov wurde hier geboren. Vielleicht liegt es daran, dass ein grösserer Teil der Bewohner GERB wählen, die Mitte-Rechts-Partei von Boyko Borissov. Andere Wähler in Zlatusha bevorzugen die Sozialisten, eventuell da das Dorf damals weitaus besser aussah, als deren Vorgänger das Land regierten. Es gab auch mehr Einwohner und die Schule war in Betrieb.

Wegen des prominenten, früheren Einwohners dekorieren drei GERB-Wahlplakete das Dorf. Darauf ist ein Foto von Boyko Borissov abgebildet. Er steckt in einer Uniform, die man am besten in keiner Weise mit irgendetwas vergleichen sollte. Geschossen wurde das Foto, als Borissov Junior Chefsekretär im Sofioter Innenministerium war, mit dem Rang eines Generals. In Zlatusha macht ein solches Foto Eindruck. Aber das Bild ist in Wahrheit der einzige “Vorteil”, den dieses gottverlassene, arme Kaff aufgrund seines prominenten Ex-Einwohners hat.

Einer der Hinterhöfe im Dorf. Foto: Imanuel Marcus

Eines von drei GERB-Wahlplakaten. Foto: Imanuel Marcus

Hier lebt niemand mehr. Foto: Imanuel Marcus

Das winzige Postamt hinter dem einzigen neuen Objekt im Dorf, nämlich dem Kreuz. Foto: Imanuel Marcus

In der Schule wird niemand mehr unterrichtet. Foto: Imanuel Marcus

Eines der Gräber in Zlatusha. Foto: Imanuel Marcus

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Imanuel Marcus is Associate Editor of The Sofia Globe. He is German and lives in Sofia. Contact: imanuelmarcus (at) gmail.com